Ein Jahr Nahostkonflikt - Bericht vom FSJ auf der Grenze zwischen Israel und Palästina

Vor genau einem Jahr stellte sich mir die Frage: Was tun nach dem Abitur? Politikwissenschaft in Hannover studieren? Aber eigentlich wollte ich nochmal mehr von der Welt sehen. Für die Nahostregion habe ich mich schon länger interessiert, war auch schon im Urlaub da. Allerdings nur in Israel. Die palästinensische Perspektive möchte ich auch verstehen, denn immerhin befinden sich Israel und die Palästinensergebiete in einem Konflikt – so  habe ich es zumindest aus den Medien gehört. Doch ich würde gerne mit den Leuten vor Ort selbst darüber sprechen und sie verstehen...

...Wir wohnen zwischen dem israelischen West -und dem palästinensischen Ost-Jerusalem auf der "Green Line", der Grenze zwischen Israel und der Westbank (/ dem Westjordanland/ Palästinensische Gebiete). Unser Stadtteil heißt "Abu Tur" und hier Leben sowohl Juden als auch Araber. Das heißt: Aus der Haustür raus nach links geht man ca. 100 m durch den muslimischen Teil, dann wird’s jüdisch und Westjerusalem beginnt.

Mittlerweile bin ich schon 8 Monate hier und arbeite im Willy-Brandt-Center Jerusalem ( www.willybrandtcenter.org ), dass sich mittels 3 Projekten für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einsezt: Ein politisches Projekt in dem mit israelischen und palsätinensischen linken Jugendparteien zusammengearbeitet und vertrauensvolle Kooperationen aufgebaut werden, damit die jetzt noch jungen aber späteren EntscheidungsträgerInnen der Politik an das gemeinsame Arbeiten gewöhnt werden; Ein Bildungsprojekt, in dem durch die Zusammenarbeit mit israelischen und palästinensischen Jugendverbänden durch gemensame Bildungsarbeit die Gesellschaft von innen heraus verändert werden kann; und ein Kulturprojekt, in dem Individuen lernen, durch Kunst ihre Gefühle besser zu kommunizieren. Außerdem arbeite ich noch in Tel Aviv in einem Theater für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und gebe dort Tanzunterricht ( http://www.kenafayim.org.il).

Wie finde ich es hier? Einerseits bin ich geschockt, wie sehr man in Jerusalem wirklich mit dem Nahost-Konflikt in Berührung kommt und wie wenig ich doch als einzelne Person glaube, tun zu können. Andererseits lernt man unglaublich viele verschiedene Leute kennen. Hier ist anscheinend wirklich nicht der Ort, sich selbst zu finden. Denn ständig musst du jemand anderes sein, oder glaubst, es zu müssen. Ich gehe mit meinem bodenlangen Kleid (in der Hoffnung, ich erfülle die Kleiderordnung des arabischen Viertels) unten auf unserer Straße Gemüse einkaufen und spreche mit dem Ladenbesitzer Arabisch, damit sie ja nicht denken, ich könnte jüdisch sein. Ich erzähle im jüdischen Viertel ein paar Orthodoxen, mit denen ich zufällig ins Gespräch komme, nicht, dass ich etwas Arabisch kann, um ja nicht als Sympathisantin der Palästinenser zu gelten. Sie sind sehr begeistert, dass ich Hebräisch lerne. Wie kann man sich über sich selbst klar werden, wenn man im Gespräch mit seinem Gegenüber nicht man selbst ist? Ich finde mein Projekt, das WBZ als Ort der Begegnung von Israelis und Palästinensern, super. Dennoch habe ich Hemmungen, jedem der fragt, was ich hier mache, davon zu erzählen. Dabei würde ich es am liebsten in die Welt hinausschreien. Leider gibt es viele, die den Dialog nicht gut finden oder die zu sehr Angst haben, der anderen Seite auf menschlicher Ebene zu begegnen, weil sie immernoch Bilder vor Augen haben, wie ihre Verwandten bei einem der Kriege gestorben sind, durch die Hand der "anderen". Um realistisch zu bleiben versuche ich also mit wenigen Einzelnen zusammenzuarbeiten, die offen für die andere Seite sind. Das ist manchmal frustrierend, andererseits ist es auch die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu verändern: Nämlich im Kleinen.
In meinem Jahr schreibe ich jeden Monat einen Bericht über meine aktuellen Erlebnisse und Erfahrungen und die aktuelle politische Situation. Wenn ihr Interesse habt, könnt ihr mir eure Emailadresse schicken, dann nehme ich euch in meinen Berichte-Verteiler auf  rebekka.windus@hotmail.de 

Viel Spaß beim Lesen! Eure Rebekka